<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/" xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/" xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom" version="2.0" xmlns:itunes="http://www.itunes.com/dtds/podcast-1.0.dtd" xmlns:googleplay="http://www.google.com/schemas/play-podcasts/1.0"><channel><title><![CDATA[pseudonotes: Werkstatt]]></title><description><![CDATA[Nachvollziehbarkeit zweifelhaft. Feedback trotzdem sehr willkommen!]]></description><link>https://www.pseudonotes.com/s/werkstatt</link><image><url>https://substackcdn.com/image/fetch/$s_!hdUg!,w_256,c_limit,f_auto,q_auto:good,fl_progressive:steep/https%3A%2F%2Fsubstack-post-media.s3.amazonaws.com%2Fpublic%2Fimages%2Fb0f465e8-5cc1-4fc5-95ea-c119f86995bc_512x512.png</url><title>pseudonotes: Werkstatt</title><link>https://www.pseudonotes.com/s/werkstatt</link></image><generator>Substack</generator><lastBuildDate>Fri, 25 Sep 2026 21:07:52 GMT</lastBuildDate><atom:link href="https://www.pseudonotes.com/feed" rel="self" type="application/rss+xml"/><copyright><![CDATA[Paul Kreiner]]></copyright><language><![CDATA[en]]></language><webMaster><![CDATA[pseudonotes@substack.com]]></webMaster><itunes:owner><itunes:email><![CDATA[pseudonotes@substack.com]]></itunes:email><itunes:name><![CDATA[Paul Kreiner]]></itunes:name></itunes:owner><itunes:author><![CDATA[Paul Kreiner]]></itunes:author><googleplay:owner><![CDATA[pseudonotes@substack.com]]></googleplay:owner><googleplay:email><![CDATA[pseudonotes@substack.com]]></googleplay:email><googleplay:author><![CDATA[Paul Kreiner]]></googleplay:author><itunes:block><![CDATA[Yes]]></itunes:block><item><title><![CDATA[Wachstum – was wächst da eigentlich?]]></title><description><![CDATA[Thesen zum BIP]]></description><link>https://www.pseudonotes.com/p/wachstum-was-wachst-da-eigentlich</link><guid isPermaLink="false">https://www.pseudonotes.com/p/wachstum-was-wachst-da-eigentlich</guid><dc:creator><![CDATA[Paul Kreiner]]></dc:creator><pubDate>Wed, 20 May 2026 13:59:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://substack-post-media.s3.amazonaws.com/public/images/4e7675d7-9989-4813-94b2-51412e982b4a_1920x1080.jpeg" length="0" type="image/jpeg"/><content:encoded><![CDATA[<p>Wachstum ist wichtig, da sind sich alle einig. Aber was w&#228;chst da eigentlich? Der Workshop nimmt die Zahl auseinander, mit der sich die Nation Fortschritt oder Krise diagnostiziert: Das BIP. Wir fragen uns, was da eigentlich gemessen wird, finden wahrscheinlich einen Wertbegriff, der mit keiner &#8211; nicht mal einer falschen &#8211; Theorie kompatibel ist. Das bringt uns zu der Frage, warum diese Zahl dann immer noch so erhoben wird. &#220;ber das Bruttoinlandsprodukt, sein grotesken Annahmen und seinen politischen Sinn.</p><h2>Inhalt</h2><ol><li><p>Das Grundprinzip</p></li><li><p>Wirtschaftsleistung jenseits der Verk&#228;ufe</p></li><li><p>Die Inflationsbereinigung</p></li><li><p>Der im BIP enthaltene Wertbegriff</p></li><li><p>Was leistet das BIP</p></li></ol><h2>I. Das Grundprinzip</h2><ol><li><p>Eine Wachstumsrate kann man nur berechnen, wenn man alles, was da w&#228;chst oder auch nicht, auf eine Einheitsdimension gebracht hat.</p><ul><li><p>Beispiel: Wenn im einen Jahr 200 Sofas und 20 LKW produziert wurden und im n&#228;chsten Jahr nur noch 180 Sofas, aber 30 LKW &#8211; gab es dann Wachstum?</p></li></ul></li><li><p>Was diese Einheitsdimension sein soll, ist weder Politiker:innen noch den meisten VWLern klar. Irgendwie Reichtum, Nutzen, Leistung. Wie kann das denjenigen unklar sein, die es messen? Sie messen es zun&#228;chst nicht selbst, sondern beziehen sich darauf als bereits gemessene Sache. Durch wen gemessen? Den &#8220;Markt&#8221;. Das BIP nutzt die relativen Preise der Waren und Dienstleistungen, behandelt sie als &#8220;Wertsch&#228;tzung&#8221;.</p><ul><li><p>Beispiel:</p><ul><li><p>200 Sofas x 1000&#8364; + 20 LKW x 70000&#8364; = 1,6 Mio &#8364;</p></li><li><p>180 Sofas x 1000&#8364; + 30 LKW x 70000&#8364; = 2,28 Mio &#8364; -&gt; 42,5% Wachstum!</p></li></ul></li></ul></li><li><p>Manche Produkte sind Vorprodukte f&#252;r andere. Da man diese mit dem Kaufpreis f&#252;r das Endprodukt mit bezahlt, zieht die Statistik sie ab.</p><ul><li><p>Beispiel:</p><ul><li><p>Summe der Preise: 100t Stahl x 700&#8364; + 200 Sofas x 1000&#8364; + 20 LKW x 70000&#8364; = 1,67 Mio &#8364;</p></li><li><p>Input Stahl in den Sofas: 2t. Input Stahl in den LKW: 98t. Gesamtinputs Stahl: 100t</p></li><li><p>Summe der Wertsch&#246;pfung: Summe der Preise - Summe der Inputs = 1,6 Mio &#8364;</p></li></ul></li></ul></li><li><p>Zu erheben was ein Vorprodukt irgendwof&#252;r war ist nicht trivial. Das beruht auf Unternehmensbefragungen, Handelsstatistiken und Steuerdaten, woraus dann sektortypische Vorprodukt-Wertanteile am Verkaufspreis berechnet werden.</p></li><li><p>Was z&#228;hlt als Vorprodukt und was z&#228;hlt als Endprodukt? Als Vorprodukte gelten dem BIP nur Dinge, die direkt verbraucht werden. Eine Maschine ist damit kein Vorprodukt. Aber auch die Maschine wird durch die Kaufpreise der Endprodukte, die sie produzieren hilft, mit bezahlt. F&#252;r deren Produktion war sie ja da. Hei&#223;t: Die Wertsch&#246;pfung, die durch Maschinen erm&#246;glicht wird, wird doppelt gez&#228;hlt. Mit zunehmendem Maschinisierungsgrad der Produktion w&#228;chst das BIP mehr als die tats&#228;chliche Produktion w&#228;chst.</p></li></ol><h2>II. Wirtschaftsleistung jenseits der Verk&#228;ufe</h2><p>Die Statistik, die nicht Verk&#228;ufe summieren, sondern Wirtschaftsleistung messen will, fragt sich: Was gibt es jenseits der Verk&#228;ufe noch an Leistung? Und kommt auf einiges:</p><ol><li><p>Der <strong>Staat</strong> baut zB Stra&#223;en, die zu nutzen Nutzen darstellt. Also auch eine Leistung. Da der Staat seine Leistungen aber nicht vermarktet, liegt hier kein summierbarer Verkaufspreis vor. Stattdessen wird deshalb mit Kosten gearbeitet. Wir verzichten also kurzerhand auf die Wertsch&#228;tzung des Reichtums durch den &#8220;Markt&#8221; und arbeiten stattdessen mit Geh&#228;ltern und sonstigen Inputs. Alles, was der Staat herstellt oder direkt organisiert, z&#228;hlt also bei der Wirtschaftsleistung mit, aber z&#228;hlt weniger, als das, was Unternehmen herstellen, ist also weniger &#8220;wert&#8221;. Wenn also gesellschaftliche Reproduktionssph&#228;ren aus der Privatwirtschaft in Staatshandeln &#252;bergehen, sinkt das BIP.</p></li><li><p>Wenn Menschen im <strong>Eigenheim</strong> wohnen, zahlen sie keine Miete. Trotzdem nutzen sie den Wohnnutzen. Das BIP sieht hier eine Leistung &#8211; erbracht vom Wohnhaus an seine Besitzer=Bewohner. Im BIP werden deshalb Mietzahlungen der Wohneigent&#252;mer an sich selbst fingiert, die dann in die Summe mit rein geworfen werden. Immerhin gibt es hier im Unterschied zum Staat markt&#252;bliche Preise, n&#228;mlich Vergleichsmieten, die man f&#252;r diese Fiktion heran ziehen kann. Deshalb ist dies auch keine Kosten- sondern eine fiktive Verkaufspreis-Summe. Genau so wie bei Maschinen kommt damit das Wohnen doppelt als Wirtschaftsleistung vor: einmal beim Bau des Hauses und einmal durch die kontinuierliche Benutzung.</p></li><li><p>Wenn Menschen sich ihr Essen in <strong>Hausarbeit</strong> selbst kochen, zahlen sie keine Restaurantpreise, sondern nur die Einkaufspreise f&#252;r die Komponenten und ein bisschen Energie. Das z&#228;hlt dem BIP aber nicht als Wirtschaftsleistung, das ist Privatsache der Menschen. Hei&#223;t aber: Wenn Haushalte immer mehr arbeiten und sich deshalb zur Kompensation dieser Belastung immer mehr Dienste am &#8216;Markt&#8217; kaufen, die ihnen Hausarbeit ersparen &#8211; Lieferdienste, Putzkr&#228;fte, Staubsaugerroboter &#8211; dann steigt das BIP, also die Wirtschaftsleistung. Es steigt ebenfalls, wenn der Anteil der staatlich vermittelten Care-Arbeit w&#228;chst &#8211; Kitas, Pflege.</p></li></ol><h4>Bonus</h4><p>Das ist noch nicht alles, was das BIP fingiert.</p><ol><li><p>Unternehmen verkaufen sich ihre eigene Forschung und Entwicklung als Produktionsmittel mit Gewinn.</p></li><li><p>Banken verkaufen der Gesellschaft Finanznutzen in H&#246;he der Differenz aus durchschnittlichem Zins der Kreditvergabe (zB Immobilienkredit) und durchschnittlichem Zins der Finanzierung (zB Girokonto).</p></li><li><p>Drogen und andere illegale Gesch&#228;fte werden auch noch gesch&#228;tzt.</p></li></ol><h2>III. Die Inflationsbereinigung</h2><ol><li><p>Da wir Marktpreise nutzen, um die Wirtschaftsleistung zu berechnen, bedeutet das, dass wenn sich die Gesellschaft einfach alles gegenseitig zu steigenden Preisen verkauft (Inflation), wir das als drastisches Wachstum z&#228;hlen. Das widerspr&#252;chliche Ziel: Die relativen Preise in der Gesellschaft als Ausdruck des relativen Werts nehmen, das Preisniveau aber &#8220;rausrechnen&#8221;. Was wir bislang besprochen haben, nennt man &#8220;nominales&#8221; BIP. Jetzt soll aber ein &#8220;reales&#8221; BIP her.</p></li><li><p>Das reale BIP misst so, dass es die G&#252;termengen aus zwei verschiedenen Jahren mit dem gleichen Preissystem multipliziert: Die G&#252;termengen aus dem letzten Jahr multipliziert mit den G&#252;terpreisen aus dem letzten Jahr ist das Basisjahr und die G&#252;termengen aus diesem Jahr multipliziert mit den G&#252;terpreisen aus dem letzten Jahr ist dann das fiktive neue Jahr. Wachstum ist dann = fiktives neue Jahr / letztes Jahr.</p><ul><li><p>Beispiel:</p><ul><li><p>Ohne Inflationsbereinigung</p><ul><li><p>2024: 200 Sofas x 1000&#8364; + 20 LKW x 70000&#8364; = 1,6 Mio &#8364;</p></li><li><p>2025: 190 Sofas x 2000&#8364; + 18 LKW x 80000&#8364; = 1,82 Mio &#8364;</p></li><li><p>-&gt; Wachstum!</p></li></ul></li><li><p>Mit Inflationsbereinigung</p><ul><li><p>2024: unver&#228;ndert</p></li><li><p>2025: 190 Sofas x 1000&#8364; + 18 LKW x 70000&#8364; = 1,45 Mio &#8364;</p></li><li><p>-&gt; Rezession!</p></li></ul></li></ul></li></ul></li><li><p>Aber was ist, wenn der LKW vielleicht besser geworden ist? Vielleicht ist der 2025er-LKW ja n&#252;tzlicher als der 2024-er LKW? Weil jetzt nicht mehr die aktuellen relativen Preise verwendet haben, sondern eine veraltete &#8216;Wertsch&#228;tzung&#8217;, m&#252;ssen jetzt die Statistiker selbst die Wertsch&#228;tzung korrigieren. Das trauen sie sich jetzt zu &#8211; objektiv im Sinne einer quantifizierbaren Nutzenver&#228;nderung.</p><ul><li><p>Beispiel Auto: Wenn Autos dieses Jahr h&#228;ufiger einen Tempomat verbaut haben als letztes Jahr, dann bewertet der Letztjahrespreis gar nicht das Durchschnittsgut diesen Jahres. Die Statistik geht damit so um, dass sie guckt, was ein Tempomat als optionale Ausstattung typischerweise kostet, wendet dann die geniale Konvention an, dass sich wohl 50% der Kaufenden f&#252;r den Nutzen Tempomat interessieren und berechnet dann daraus einen &#8220;Anstieg des Nutzens des Durchschnittsautos&#8221;.</p></li><li><p>Aspekte wie die g&#252;nstige Reparierbarkeit der Fahrzeuge, die sich deutlich verschlechtert hat, fallen bei dieser Methode aber hinten runter. Schlimmer noch: Die Werkstattbesuche sind dann wieder Wirtschaftsleistung.</p></li><li><p>Im nominalen BIP sehen wir: Ein Auto kostete 1999 im Schnitt 18.500&#8364;, 2019 dann 34.000&#8364; (84 % Anstieg)</p></li><li><p>Im realen BIP steht dann f&#252;r Autos aber nur eine Preissteigerung von 23 %. Der Rest verschwand in &#8220;Qualit&#228;tsverbesserung&#8221;.</p></li><li><p>Das &#8220;Preisniveau&#8221; ist zwischen 1999 und 2019 in Bezug auf das ganze BIP um 30 % Prozent gestiegen.</p></li><li><p>Das im Preis explodierte Auto zieht also die Inflationsmessung runter, nicht hoch.</p></li></ul></li></ol><h2>IV. Der im BIP enthaltene Wertbegriff</h2><ol><li><p>F&#252;r das BIP werden Verkaufspreise gemessen, also das gesellschaftliche Ringen um maximale Ertr&#228;ge aus privater Produktion. Die Preise gibt es, auf ihnen ruht das BIP sich theoretisch aus: Die Gesellschaft sch&#228;tzt den Wert in Konkurrenz, nicht das statistische Amt. Ob das nun Aufwand oder Nutzen misst oder irgendeine Mischung, kann unklar bleiben.</p></li><li><p>Die Statistischen &#196;mter halten f&#252;r das BIP aber eine &#8220;Preisbereinigung&#8221; f&#252;r unerl&#228;sslich, wissen also, dass Preise etwas anderes sind als eine Wertsch&#228;tzung.</p></li><li><p>Die Preisbereinigung, die dann vorgenommen wird, ist das eindeutigste Bekenntnis zu einer Seite des Reichtums, n&#228;mlich seinem Nutzen. Das ist schon f&#252;r Auto ohne Tempomat vs Auto mit Tempomat hakelig. Aber f&#252;r Auto vs Tisch ist es unm&#246;glich. Wie praktisch, dass man das &#252;ber die relativen Preise regelt...</p></li><li><p>Das Ergebnis auf das alle schauen, die Wachstumsraten des preisbereinigten BIP, enthalten also einen bunten Mix aus Konkurrenzergebnissen und statistischen Annahmen &#252;ber den Nutzen.</p></li></ol><h2>V. Was leistet das BIP</h2><p><strong>1.</strong> Das BIP depolitisiert die kapitalistische &#214;konomie: Es konstruiert eine messbare, objektive, durch unabh&#228;ngige Stellen gemessene und prognostizierte Kennziffer der Wirtschaftsleistung einer Konkurrenzgesellschaft. F&#252;r das via BIP gemessene Wachstum sollen sich alle interessieren, diese &#8220;Wirtschaftsleistung&#8221; sei nunmal die Bedingung f&#252;r alles.</p><blockquote><p>Deutschland muss sich in diesem Jahr auf deutlich weniger Wachstum einstellen (...) Konkret erwarten die Forscher der f&#252;hrenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute nur noch ein BIP-Wachstum von 0,6 Prozent, bisher lag die Prognose bei 1,3 Prozent.<br><em>(tagesschau.de, 01.04.2026, <a href="https://www.tagesschau.de/wirtschaft/konjunktur/konjunkturprognose-2026-100.html">https://www.tagesschau.de/wirtschaft/konjunktur/konjunkturprognose-2026-100.html</a>)</em></p></blockquote><p><strong>2.</strong> Was m&#228;chtige Stimmen daraus ableiten, wenn das BIP nicht gut w&#228;chst, h&#228;ngt vom aktuellen Wachstumsmodell der Nation ab. In der BRD bedeutet das:</p><blockquote><p>Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche hat angesichts der schwachen Konjunkturprognose der f&#252;hrenden Forschungsinstitute mutige Strukturreformen gefordert.<br><em>(ebd.)</em></p></blockquote><p>Aber das ist ein eigenes Thema.</p>]]></content:encoded></item><item><title><![CDATA[Über das Begreifen mit Begriffen]]></title><description><![CDATA[In hegelianisch-marxistischen Kreisen ist es &#252;blich, nach dem Begriff sehr abstrakter Dinge zu fragen: der (b&#252;rgerliche) Staat, die Lohnarbeit, die Souver&#228;nit&#228;t, das Wirtschaftswachstum, das Geld, der Imperialismus.]]></description><link>https://www.pseudonotes.com/p/uber-das-begreifen-mit-begriffen</link><guid isPermaLink="false">https://www.pseudonotes.com/p/uber-das-begreifen-mit-begriffen</guid><dc:creator><![CDATA[Paul Kreiner]]></dc:creator><pubDate>Thu, 09 Oct 2025 10:03:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://substack-post-media.s3.amazonaws.com/public/images/3eda3a20-1b42-434a-b728-96cad4624e18_1920x1080.jpeg" length="0" type="image/jpeg"/><content:encoded><![CDATA[<ol><li><p>In hegelianisch-marxistischen Kreisen ist es &#252;blich, nach dem Begriff sehr abstrakter Dinge zu fragen: der (b&#252;rgerliche) Staat, die Lohnarbeit, die Souver&#228;nit&#228;t, das Wirtschaftswachstum, das Geld, der Imperialismus. Man stellt sich dabei vor, diese Dinge seien ebenso allgemein aufeinander bezogen.</p></li><li><p>Das einzig koh&#228;rente theoretische Angebot f&#252;r das, was die Dinge aufeinander bezieht, ist das Marxsche: Das Kapital &#8211; eigentlich sogar: der Wert. Nur auf dieser Basis kann man eigentlich von &#8220;Kapitalismus&#8221; sprechen.</p></li><li><p>Sicher haben all diese Dinge ihren jeweiligen gemeinsamen Nenner und einen Zusammenhang noch dazu. Los geht man damit aber auf eine Welt, in der sie in ihrer konkreten Auspr&#228;gung kaum disparater sein k&#246;nnten. Die Anschauung widerstrebt dem Versuch, allgemeine Begriffe zu bilden &#8211; zwischen Belgien und China, den N&#228;herinnen in Bangladesh und den Softwareentwicklern im Silicon Valley, dem deutschen und dem US-amerikanischen Wirtschaftswachstum, dem Euro und dem Rubel, dem russischen und dem US-amerikanischem Imperialismus.</p></li><li><p>Deswegen kennt man f&#252;r seine Bestimmungen dann eine Menge sogenannter Ausnahmen / Modifikationen / historisch(-moralisch)e Elemente. Wie man mit ihnen um-, und wie geh&#228;ssig gegen diejenigen vorgeht, die auf sie hinweisen, da gibt es gro&#223;e Unterschiede. Wenn man diese Dinge nicht einfach wegleugnet und diejenigen, die sich mit ihnen merklich besch&#228;ftigen, entsprechend niedermacht, dann erkl&#228;rt einem seine Theorie einen immer geringeren Teil der wirklichen Welt &#8211; sie beh&#228;lt aber ihren Status als Fundament und &#8220;letzte Instanz&#8221;, ohne dass je bewiesen werden m&#252;sste, wann und wie deren Stunde schl&#228;gt. (Vgl. <a href="https://www.marxists.org/reference/archive/althusser/1962/overdetermination.htm">Althusser 1962. Contradiction and Overdetermination</a>)</p></li><li><p>Der wesentliche Grund daf&#252;r, dass dieses Anliegen ins Leere l&#228;uft, ist, dass in der Welt kein Zweck herrscht, aus dem alle anderen folgen. Die Welt, in der wir leben, ergibt f&#252;r keinen Zweck Sinn. Der &#8216;Kapitalismus&#8217; ist zu einem jeweiligen Zeitpunkt immer Ergebnis der Wechselwirkung aus Gesch&#228;ft und Gewalten und bleibender Austragungsort derselben. Er ist pfadabh&#228;ngig.</p></li><li><p>Der Sache nach kann die allgemeine Erkl&#228;rung etwa des Staates nur darin bestehen, die Anreize und Bedingungen zu benennen, mit und unter denen er operiert. F&#252;r die jeweiligen Subjekte w&#228;re also zu charakterisieren, worin sie frei sind, worum sie sich bem&#252;hen, was ihnen das Leben leichter macht und woran sie sich umgekehrt bew&#228;hren m&#252;ssen. Dann k&#246;nnen die Rahmenbedingungen einen hoffentlich gro&#223;en Teil der Ausnahmen/Modifikationen &#8211; oder besser: Varianten &#8211; erkl&#228;ren. Der Rest bleibt.</p></li><li><p>Insbesondere das Primat des &#214;konomischen (Kapital/Wert/Wachstum) &#252;ber das Politische kann nicht allgemein behauptet werden. Die Welt, in der Marx politisiert wurde und die Welt, in der die meisten von uns politisiert wurden (andere nennen das Neoliberalismus), erwecken zwar jeweils ein wenig den Eindruck, aber erstens ist auch das Schein, zweitens liegen dazwischen immerhin zwei Weltkriege und eine jahrzehntelange Periode der Massendemokratie und der Reallohnsteigerung und drittens ist die Depolitisierung der &#214;konomie m&#228;chtig am br&#246;ckeln.</p></li></ol><p><em>Siehe auch: Block (2012) &#8211; Political Power and Social Theory. Varieties of what? Should we still be Using the Concept of Capitalism? &#8211; <a href="https://doi.org/10.1108/S0198-8719(2012)0000023013">https://doi.org/10.1108/S0198-8719(2012)0000023013</a> (Paywall)</em></p>]]></content:encoded></item></channel></rss>