In hegelianisch-marxistischen Kreisen ist es üblich, nach dem Begriff sehr abstrakter Dinge zu fragen: der (bürgerliche) Staat, die Lohnarbeit, die Souveränität, das Wirtschaftswachstum, das Geld, der Imperialismus. Man stellt sich dabei vor, diese Dinge seien ebenso allgemein aufeinander bezogen.
Das einzig kohärente theoretische Angebot für das, was die Dinge aufeinander bezieht, ist das Marxsche: Das Kapital – eigentlich sogar: der Wert. Nur auf dieser Basis kann man eigentlich von “Kapitalismus” sprechen.
Sicher haben all diese Dinge ihren jeweiligen gemeinsamen Nenner und einen Zusammenhang noch dazu. Los geht man damit aber auf eine Welt, in der sie in ihrer konkreten Ausprägung kaum disparater sein könnten. Die Anschauung widerstrebt dem Versuch, allgemeine Begriffe zu bilden – zwischen Belgien und China, den Näherinnen in Bangladesh und den Softwareentwicklern im Silicon Valley, dem deutschen und dem US-amerikanischen Wirtschaftswachstum, dem Euro und dem Rubel, dem russischen und dem US-amerikanischem Imperialismus.
Deswegen kennt man für seine Bestimmungen dann eine Menge sogenannter Ausnahmen / Modifikationen / historisch(-moralisch)e Elemente. Wie man mit ihnen um-, und wie gehässig gegen diejenigen vorgeht, die auf sie hinweisen, da gibt es große Unterschiede. Wenn man diese Dinge nicht einfach wegleugnet und diejenigen, die sich mit ihnen merklich beschäftigen, entsprechend niedermacht, dann erklärt einem seine Theorie einen immer geringeren Teil der wirklichen Welt – sie behält aber ihren Status als Fundament und “letzte Instanz”, ohne dass je bewiesen werden müsste, wann und wie deren Stunde schlägt. (Vgl. Althusser 1962. Contradiction and Overdetermination)
Der wesentliche Grund dafür, dass dieses Anliegen ins Leere läuft, ist, dass in der Welt kein Zweck herrscht, aus dem alle anderen folgen. Die Welt, in der wir leben, ergibt für keinen Zweck Sinn. Der ‘Kapitalismus’ ist zu einem jeweiligen Zeitpunkt immer Ergebnis der Wechselwirkung aus Geschäft und Gewalten und bleibender Austragungsort derselben. Er ist pfadabhängig.
Der Sache nach kann die allgemeine Erklärung etwa des Staates nur darin bestehen, die Anreize und Bedingungen zu benennen, mit und unter denen er operiert. Für die jeweiligen Subjekte wäre also zu charakterisieren, worin sie frei sind, worum sie sich bemühen, was ihnen das Leben leichter macht und woran sie sich umgekehrt bewähren müssen. Dann können die Rahmenbedingungen einen hoffentlich großen Teil der Ausnahmen/Modifikationen – oder besser: Varianten – erklären. Der Rest bleibt.
Insbesondere das Primat des Ökonomischen (Kapital/Wert/Wachstum) über das Politische kann nicht allgemein behauptet werden. Die Welt, in der Marx politisiert wurde und die Welt, in der die meisten von uns politisiert wurden (andere nennen das Neoliberalismus), erwecken zwar jeweils ein wenig den Eindruck, aber erstens ist auch das Schein, zweitens liegen dazwischen immerhin zwei Weltkriege und eine jahrzehntelange Periode der Massendemokratie und der Reallohnsteigerung und drittens ist die Depolitisierung der Ökonomie mächtig am bröckeln.
Siehe auch: Block (2012) – Political Power and Social Theory. Varieties of what? Should we still be Using the Concept of Capitalism? – https://doi.org/10.1108/S0198-8719(2012)0000023013 (Paywall)
