Wachstum ist wichtig, da sind sich alle einig. Aber was wächst da eigentlich? Der Workshop nimmt die Zahl auseinander, mit der sich die Nation Fortschritt oder Krise diagnostiziert: Das BIP. Wir fragen uns, was da eigentlich gemessen wird, finden wahrscheinlich einen Wertbegriff, der mit keiner – nicht mal einer falschen – Theorie kompatibel ist. Das bringt uns zu der Frage, warum diese Zahl dann immer noch so erhoben wird. Über das Bruttoinlandsprodukt, sein grotesken Annahmen und seinen politischen Sinn.
Inhalt
Das Grundprinzip
Wirtschaftsleistung jenseits der Verkäufe
Die Inflationsbereinigung
Der im BIP enthaltene Wertbegriff
Was leistet das BIP
I. Das Grundprinzip
Eine Wachstumsrate kann man nur berechnen, wenn man alles, was da wächst oder auch nicht, auf eine Einheitsdimension gebracht hat.
Beispiel: Wenn im einen Jahr 200 Sofas und 20 LKW produziert wurden und im nächsten Jahr nur noch 180 Sofas, aber 30 LKW – gab es dann Wachstum?
Was diese Einheitsdimension sein soll, ist weder Politiker:innen noch den meisten VWLern klar. Irgendwie Reichtum, Nutzen, Leistung. Wie kann das denjenigen unklar sein, die es messen? Sie messen es zunächst nicht selbst, sondern beziehen sich darauf als bereits gemessene Sache. Durch wen gemessen? Den “Markt”. Das BIP nutzt die relativen Preise der Waren und Dienstleistungen, behandelt sie als “Wertschätzung”.
Beispiel:
200 Sofas x 1000€ + 20 LKW x 70000€ = 1,6 Mio €
180 Sofas x 1000€ + 30 LKW x 70000€ = 2,28 Mio € -> 42,5% Wachstum!
Manche Produkte sind Vorprodukte für andere. Da man diese mit dem Kaufpreis für das Endprodukt mit bezahlt, zieht die Statistik sie ab.
Beispiel:
Summe der Preise: 100t Stahl x 700€ + 200 Sofas x 1000€ + 20 LKW x 70000€ = 1,67 Mio €
Input Stahl in den Sofas: 2t. Input Stahl in den LKW: 98t. Gesamtinputs Stahl: 100t
Summe der Wertschöpfung: Summe der Preise - Summe der Inputs = 1,6 Mio €
Zu erheben was ein Vorprodukt irgendwofür war ist nicht trivial. Das beruht auf Unternehmensbefragungen, Handelsstatistiken und Steuerdaten, woraus dann sektortypische Vorprodukt-Wertanteile am Verkaufspreis berechnet werden.
Was zählt als Vorprodukt und was zählt als Endprodukt? Als Vorprodukte gelten dem BIP nur Dinge, die direkt verbraucht werden. Eine Maschine ist damit kein Vorprodukt. Aber auch die Maschine wird durch die Kaufpreise der Endprodukte, die sie produzieren hilft, mit bezahlt. Für deren Produktion war sie ja da. Heißt: Die Wertschöpfung, die durch Maschinen ermöglicht wird, wird doppelt gezählt. Mit zunehmendem Maschinisierungsgrad der Produktion wächst das BIP mehr als die tatsächliche Produktion wächst.
II. Wirtschaftsleistung jenseits der Verkäufe
Die Statistik, die nicht Verkäufe summieren, sondern Wirtschaftsleistung messen will, fragt sich: Was gibt es jenseits der Verkäufe noch an Leistung? Und kommt auf einiges:
Der Staat baut zB Straßen, die zu nutzen Nutzen darstellt. Also auch eine Leistung. Da der Staat seine Leistungen aber nicht vermarktet, liegt hier kein summierbarer Verkaufspreis vor. Stattdessen wird deshalb mit Kosten gearbeitet. Wir verzichten also kurzerhand auf die Wertschätzung des Reichtums durch den “Markt” und arbeiten stattdessen mit Gehältern und sonstigen Inputs. Alles, was der Staat herstellt oder direkt organisiert, zählt also bei der Wirtschaftsleistung mit, aber zählt weniger, als das, was Unternehmen herstellen, ist also weniger “wert”. Wenn also gesellschaftliche Reproduktionssphären aus der Privatwirtschaft in Staatshandeln übergehen, sinkt das BIP.
Wenn Menschen im Eigenheim wohnen, zahlen sie keine Miete. Trotzdem nutzen sie den Wohnnutzen. Das BIP sieht hier eine Leistung – erbracht vom Wohnhaus an seine Besitzer=Bewohner. Im BIP werden deshalb Mietzahlungen der Wohneigentümer an sich selbst fingiert, die dann in die Summe mit rein geworfen werden. Immerhin gibt es hier im Unterschied zum Staat marktübliche Preise, nämlich Vergleichsmieten, die man für diese Fiktion heran ziehen kann. Deshalb ist dies auch keine Kosten- sondern eine fiktive Verkaufspreis-Summe. Genau so wie bei Maschinen kommt damit das Wohnen doppelt als Wirtschaftsleistung vor: einmal beim Bau des Hauses und einmal durch die kontinuierliche Benutzung.
Wenn Menschen sich ihr Essen in Hausarbeit selbst kochen, zahlen sie keine Restaurantpreise, sondern nur die Einkaufspreise für die Komponenten und ein bisschen Energie. Das zählt dem BIP aber nicht als Wirtschaftsleistung, das ist Privatsache der Menschen. Heißt aber: Wenn Haushalte immer mehr arbeiten und sich deshalb zur Kompensation dieser Belastung immer mehr Dienste am ‘Markt’ kaufen, die ihnen Hausarbeit ersparen – Lieferdienste, Putzkräfte, Staubsaugerroboter – dann steigt das BIP, also die Wirtschaftsleistung. Es steigt ebenfalls, wenn der Anteil der staatlich vermittelten Care-Arbeit wächst – Kitas, Pflege.
Bonus
Das ist noch nicht alles, was das BIP fingiert.
Unternehmen verkaufen sich ihre eigene Forschung und Entwicklung als Produktionsmittel mit Gewinn.
Banken verkaufen der Gesellschaft Finanznutzen in Höhe der Differenz aus durchschnittlichem Zins der Kreditvergabe (zB Immobilienkredit) und durchschnittlichem Zins der Finanzierung (zB Girokonto).
Drogen und andere illegale Geschäfte werden auch noch geschätzt.
III. Die Inflationsbereinigung
Da wir Marktpreise nutzen, um die Wirtschaftsleistung zu berechnen, bedeutet das, dass wenn sich die Gesellschaft einfach alles gegenseitig zu steigenden Preisen verkauft (Inflation), wir das als drastisches Wachstum zählen. Das widersprüchliche Ziel: Die relativen Preise in der Gesellschaft als Ausdruck des relativen Werts nehmen, das Preisniveau aber “rausrechnen”. Was wir bislang besprochen haben, nennt man “nominales” BIP. Jetzt soll aber ein “reales” BIP her.
Das reale BIP misst so, dass es die Gütermengen aus zwei verschiedenen Jahren mit dem gleichen Preissystem multipliziert: Die Gütermengen aus dem letzten Jahr multipliziert mit den Güterpreisen aus dem letzten Jahr ist das Basisjahr und die Gütermengen aus diesem Jahr multipliziert mit den Güterpreisen aus dem letzten Jahr ist dann das fiktive neue Jahr. Wachstum ist dann = fiktives neue Jahr / letztes Jahr.
Beispiel:
Ohne Inflationsbereinigung
2024: 200 Sofas x 1000€ + 20 LKW x 70000€ = 1,6 Mio €
2025: 190 Sofas x 2000€ + 18 LKW x 80000€ = 1,82 Mio €
-> Wachstum!
Mit Inflationsbereinigung
2024: unverändert
2025: 190 Sofas x 1000€ + 18 LKW x 70000€ = 1,45 Mio €
-> Rezession!
Aber was ist, wenn der LKW vielleicht besser geworden ist? Vielleicht ist der 2025er-LKW ja nützlicher als der 2024-er LKW? Weil jetzt nicht mehr die aktuellen relativen Preise verwendet haben, sondern eine veraltete ‘Wertschätzung’, müssen jetzt die Statistiker selbst die Wertschätzung korrigieren. Das trauen sie sich jetzt zu – objektiv im Sinne einer quantifizierbaren Nutzenveränderung.
Beispiel Auto: Wenn Autos dieses Jahr häufiger einen Tempomat verbaut haben als letztes Jahr, dann bewertet der Letztjahrespreis gar nicht das Durchschnittsgut diesen Jahres. Die Statistik geht damit so um, dass sie guckt, was ein Tempomat als optionale Ausstattung typischerweise kostet, wendet dann die geniale Konvention an, dass sich wohl 50% der Kaufenden für den Nutzen Tempomat interessieren und berechnet dann daraus einen “Anstieg des Nutzens des Durchschnittsautos”.
Aspekte wie die günstige Reparierbarkeit der Fahrzeuge, die sich deutlich verschlechtert hat, fallen bei dieser Methode aber hinten runter. Schlimmer noch: Die Werkstattbesuche sind dann wieder Wirtschaftsleistung.
Im nominalen BIP sehen wir: Ein Auto kostete 1999 im Schnitt 18.500€, 2019 dann 34.000€ (84 % Anstieg)
Im realen BIP steht dann für Autos aber nur eine Preissteigerung von 23 %. Der Rest verschwand in “Qualitätsverbesserung”.
Das “Preisniveau” ist zwischen 1999 und 2019 in Bezug auf das ganze BIP um 30 % Prozent gestiegen.
Das im Preis explodierte Auto zieht also die Inflationsmessung runter, nicht hoch.
IV. Der im BIP enthaltene Wertbegriff
Für das BIP werden Verkaufspreise gemessen, also das gesellschaftliche Ringen um maximale Erträge aus privater Produktion. Die Preise gibt es, auf ihnen ruht das BIP sich theoretisch aus: Die Gesellschaft schätzt den Wert in Konkurrenz, nicht das statistische Amt. Ob das nun Aufwand oder Nutzen misst oder irgendeine Mischung, kann unklar bleiben.
Die Statistischen Ämter halten für das BIP aber eine “Preisbereinigung” für unerlässlich, wissen also, dass Preise etwas anderes sind als eine Wertschätzung.
Die Preisbereinigung, die dann vorgenommen wird, ist das eindeutigste Bekenntnis zu einer Seite des Reichtums, nämlich seinem Nutzen. Das ist schon für Auto ohne Tempomat vs Auto mit Tempomat hakelig. Aber für Auto vs Tisch ist es unmöglich. Wie praktisch, dass man das über die relativen Preise regelt...
Das Ergebnis auf das alle schauen, die Wachstumsraten des preisbereinigten BIP, enthalten also einen bunten Mix aus Konkurrenzergebnissen und statistischen Annahmen über den Nutzen.
V. Was leistet das BIP
1. Das BIP depolitisiert die kapitalistische Ökonomie: Es konstruiert eine messbare, objektive, durch unabhängige Stellen gemessene und prognostizierte Kennziffer der Wirtschaftsleistung einer Konkurrenzgesellschaft. Für das via BIP gemessene Wachstum sollen sich alle interessieren, diese “Wirtschaftsleistung” sei nunmal die Bedingung für alles.
Deutschland muss sich in diesem Jahr auf deutlich weniger Wachstum einstellen (...) Konkret erwarten die Forscher der führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute nur noch ein BIP-Wachstum von 0,6 Prozent, bisher lag die Prognose bei 1,3 Prozent.
(tagesschau.de, 01.04.2026, https://www.tagesschau.de/wirtschaft/konjunktur/konjunkturprognose-2026-100.html)
2. Was mächtige Stimmen daraus ableiten, wenn das BIP nicht gut wächst, hängt vom aktuellen Wachstumsmodell der Nation ab. In der BRD bedeutet das:
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche hat angesichts der schwachen Konjunkturprognose der führenden Forschungsinstitute mutige Strukturreformen gefordert.
(ebd.)
Aber das ist ein eigenes Thema.
